Hinter schwedischen Gardinen

Foto: Christoph Meyer

Am 18. November 2012 hat der frühere schwedische Ministerpräsident Ingvar Carlsson auf der ehemaligen Stockholmer Gefängnisinsel Långholmen eine Erinnerungstafel für die dort zwischen 1880 und 1950 inhaftierten politischen Gefangenen eingeweiht. Unter den Geehrten ist Herbert Wehner, der dort im Sommer/Herbst 1942 als Untersuchungshäftling einsaß.

Christoph Meyer, Vorsitzender der Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung, staunte nicht schlecht, als er im Herbst 2004 zum ersten Mal die Insel Långholmen besuchte: Die verbliebenen Gefängnisbauten waren inzwischen zu einem Hotel mit Tageszentrum und Jugendherberge umgebaut. Und nicht nur das. Die alten Gänge, Zellentüren aus schwerem Eisen und so manches Gefängniszubehör war noch da. Långholmen war ein Gefängnismuseum geworden, Mini-Guillotine vor den Zimmertüren inklusive.

Meyer, der zu Archivbesuchen für seine Herbert-Wehner-Biographie nach Schweden gekommen war, zögerte nicht und quartierte sich gleich vor Ort ein: „Mir schien das – auf den Spuren von Herbert Wehner – angemessen. Das Hotelzimmer war übrigens komfortabel. Für Herbert Wehner müssen die Aufenthaltsbedingungen ungleich schwerer gewesen sein. Eine beengte Zelle, nur wenig Tageslicht und kaum Lektüre, so hat er sich später erinnert.“

Wehner war als Illegaler im August 1942 in Stockholm verhaftet worden. Nicht zuletzt infolge von Fehlleistungen und Falschaussagen seiner kommunistischen Genossen wurde er wegen angeblicher Spionage für die Sowjetunion mehrfach zu Gefängnisstrafen verurteilt. Das war kein leichter Weg, der ihn dann 1944 wieder in die Freiheit führte. „Freiheit war es aber dann für Herbert Wehner im dreifachen Sinne“, so Meyer zu den Ergebnissen seiner Recherche: „Erstens kam Wehner ganz einfach aus dem Gefängnis frei, zweitens brach Wehner im Gefängnis mit dem Kommunismus und wurde zum freiheitlichen Sozialdemokraten, und drittens lernte er nach seiner Entlassung mit Schweden ein freies Land mit funktionierender Demokratie und erfolgreicher sozialdemokratischer Reformregierung kennen.“

Nach einem weiteren Aufenthalt auf Långholmen hat Christoph Meyer sich dann an die schwedische Sozialdemokratie gewendet mit der Anregung, doch für eine Erinnerung an diese wichtige Phase in Herbert Wehners Leben zu sorgen. Damit rannte er offene Türen ein: Die „Arbetarnas Kulturhistoriska Sällskap“ (Gesellschaft für die Kulturgeschichte der Arbeiter) plante sowieso, eine Tafel für die politischen Gefangenen der Arbeiterbewegung auf Långholmen anzubringen. So findet sich Wehners Name jetzt neben August Palm, Hjalmar Branting, dem Amaltheamann Anton Nilson, Zäta Höglund, Arno Behrisch, Hermann Knüfken und Else Kleen. Begleitet wurde die Einweihung der Erinnerungstafel von einem wissenschaftlichen Seminar auf der Insel – wozu auch ein Sammelband mit dem Titel „…..faror för staten av svåraste slag“ (…..Staatsgefährdung schwerwiegendsten Ausmaßes) erscheint.

Näheres dazu für Leute mit Schwedischkenntnissen unter (http://www.stockholmia.stockholm.se/nyheter.php?artikel=218).

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