Wehnerwerk poetisch

wehnerOriginal.-web

Lars Bullmann aus München hat uns ein Herbert-Wehner-Gedicht geschickt. Er sagt, er hat sich bemüht, „keinen Unsinn über den größten Sozialdemokraten zusammenschreiben“. Wir finden: Das ist ihm gelungen.

Lars Bullmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Der Onkel

Der Onkel badete gern rau

(nicht so in einem Schaumbad);

in schweren Wogen strenger Worte,

in Ordnungs- und in Zwischenrufen,

die er liebte,

die er schulterte und schleuderte –

wohlwissend

um das Unerhörte zwischen

allen Zeilen. Das Un-

sagbare unterhalb der

Sätze. Den Totpunkt

aller Parlamente.

Das Pult, an das kein Präsident

je ruft.

Der Onkel badete zu rau.

Ost-West-Passage.

Die Reichswehr im Genick und

Schlimmeres,

treibt’s ihn hinaus.

Ein Land- und Meervermesser

ungeheurer Räume,

die um kein Maß sich scheren,

 jeden Versuch, sie zu kartieren,

sprengen.

Und wer sagte  je den Lichtzwang,

jene Blendung durch die Bleibe,

die sich in ihm einquartierte –

sein Wort zerwohnte bis zur

Neige.

Die Funk-Sprüche der Macht –

wer fängt sie ein und auf?

Wer weiß es, zu entschlüsseln,

was sie sagen, wollen?

Techniker, hier endet deine Technik –

an Funk-Sprüchen bei Nacht;

darin der Mond: nur Sichel.

Ein roter Stern hält auf dich zu. Es

hämmert an die Tür.

(Ist es deine? Gilt das dir?)

Techniker, die hier verlegten Schaltungen:

Wer die lesen könnt‘!

Du nicht! –

Mit tausend Augen blickt jetzt

die Partei ihm aus den seinen.

Und wie ein Messer zwischen-

durch

fährt der Portalspruch jener Bleibe:

„Wer reingeht,

muss nicht wieder

rauskommen!“

Der Onkel kam und ging

von Schuhmacher zu Schumacher.

Illegitimes Kind, das seine Haut

zum freien Markte trug,

dass dieser sie ihm abzieh‘n möge;

und es, gebranntes Kind,

das Fell dem Markte über beide Ohren.

(Wer hält das aus?)

Drum badete der Onkel schlau;

er badete in Bonn die Bonzen

in dem Süppchen, das er kochte

zur Speisung der Zehntausend.

Im Vorwärts: „Nie vergessen –

die So-li-da-ri-tät!“

Der Onkel stieg vom Godesberg

hinab,  hinauf

zu and’ren Höhen.

Die Silberlocke der Gelegenheit,

er griff sie, um sie abzuschneiden;

und schnitt sich derart auch ins eig’ne,

rote Fleisch.

Und wiederum die alte Rüge:

ApoStaat.

Noch: Es Pe De und Willy wählen,

Leaves of Grass.

Doch bald schon schrieb und las

man andere Papiere.

Der Onkel sieht den Vorhang fallen.

Das dicke Ende steht bereit.

Der Lotse geht von Bord. Und er,

der Heizer,

tut’s ihm gleich.

Zum Ende badete der Onkel grau

in Grau;

in Wassern aus Vergessen.

Eine Gestalt des Lebens: alt geworden.

Ödland –

Nach Hause führt kein Weg zurück,

mag er ihn auch beschreiten.

 „Wo sind wir hier, Greta?“ –

Am Saum des Sprechens,

am Totpunkt aller Parlamente

gibt der Onkel mühsam letzte Zeichen.

Wer aber liest das Rauchwerk seiner Pfeife,

das, grad‘ noch zwischen Lippen,

schon durch stumme Räume irrt,

sich windet, wendet, koaliert,

und konvertiert zu Nichts und Niemand.

Revelation (zur Person):

„Ich habe gegründet, nun

habe  ich nichts, nur

Reste, Notate zur Leere.

War da ohne Anmeldung,

immer mit Auftrag;

mit anderem Pass als ein

echter es wäre.

Wo bin ich hier, Rosa?

Wer

und was?“

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.