Greta Wehner: Porträt zum 80. Geburtstag

Greta Wehner - ältere Sozialdemokraten erinnern sie als diejenige, die "immer dabei war", wenn Herbert Wehner landauf, landab reiste. Zu den Parteiversammlungen hat sie ihn gefahren und den Diabetiker mit Thermoskanne und Butterbroten umsorgt. Greta Wehner wird am 31. Oktober 80.

"Mehr sein als scheinen" nannte Herbert Wehner einmal als seine Devise. Auf Greta, die ihn 37 Jahre lang begleitet hat, trifft sie in hohem Maße zu. Sie wurde - und wird - unterschätzt. Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Stricken. Es ist neulich im Spielfilm gezeigt worden: Herbert spricht, Greta strickt. Da haben sich die Fernsehleute schlecht informiert. "Das letzte Mal habe ich in den vierziger Jahren in Schweden etwas gestrickt", sagt Greta.

1924 wird sie geboren, als Tochter eines Hamburger Widerstandskämpfers. Er wird von der Gestapo zu Tode gebracht, als sie 9 Jahre ist. Mutter Lotte, die erste Frau, die in Schleswig-Holstein den Gärtnerberuf erlernt hat, muß wegen illegaler Tätigkeit ins Gefängnis. Sie geht 1937 mit ihren Kindern ins Exil, nach Schweden.

Dort lernt Lotte Burmester 1944 Herbert Wehner kennen - und lieben. 1946 ziehen sie nach Hamburg. Herbert Wehners zweiter politischer Lebenslauf beginnt.

Greta macht unterdessen eine Ausbildung als Kinderkrankenschwester, dann wird sie Sozialfürsorgerin. 1953, es ist Bundestagswahlkampf, kommt der Hilferuf: "Greta, du mußt kommen", meint Herbert. Seine Frau, Gretas Mutter, liegt im Krankenhaus, sie ist, eine Folge der Haftzeit in Nazideutschland, schwer herzkrank.

Greta zieht nach Bonn. Sie wird Herbert Wehners wichtigste Mitarbeiterin, zu Hause und im Beruf. Sie lernt Autofahren, begleitet den Abgeordneten auf allen seinen Reisen. Sie organisiert den Terminkalender, leitet das Büro des stellvertretenden Parteivorsitzenden. Er wird Bundesminister, Fraktionsvorsitzender, Greta ist immer dabei. Ohne sie hätte er nicht so lange durchgehalten.

Ohne ihre Hilfe hätte er nicht der humanitäre Helfer sein können, der er für viele Menschen in der damaligen DDR war: Häftlingsfreikauf, Familienzusammenführung. Herbert klärt die politischen Fragen, Greta kümmert sich um die Vielzahl der sogenannten "einfachen" Fälle.

Gretas Mutter Lotte Wehner stirbt 1979. 1983 zieht Herbert sich aus der Politik zurück. Er und Greta heiraten; es ist der Ausdruck einer in Jahrzehnten gewachsenen Bindung, eines Zusammenlebens, das einzigartig ist und doch, wie Greta sagt, völlig "normal". Bald macht sich bei Herbert Wehner eine Demenzkrankheit bemerkbar. Greta wahrt seine Würde, sie pflegt ihn, aufopferungsvoll, bis zu seinem Tod 1990.

Schon seit ihrer Jugend hat Greta Wehner eine Herzschwäche, in Hamburg ist ihr deswegen sogar einmal eine Ausbildung verweigert worden - sie dürfe sich nicht so anstrengen. Ebenfalls seit Jahrzehnten ist sie schwerhörig, und ihre jahrelange Pflegearbeit hat zum Verschleiß ihrer Knie beigetragen. Ihre gesundheitlichen Probleme hat Greta immer gemeistert - und dabei noch andere mit durchs Leben getragen. Greta Wehner ist eine Meisterin im Organisieren ihrer Selbständigkeit.

Nach 1990, im Alter, ist sie zunehmend zur öffentlichen Person geworden. Sie hat uns etwas zu sagen, meint Franz Müntefering in seinem Geleitwort zu ihrem ersten Buch "Erfahrungen". Seit 1996 lebt sie in Dresden, in Herbert Wehners alter Heimat. Dort hilft sie, mit dem Herbert-Wehner-Bildungswerk und der Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung Stützen für die Demokratie in Sachsen aufzubauen. Sie sorgt dafür, daß das Erbe fortgeführt wird.

Greta Wehner sucht nicht nach öffentlicher Aufmerksamkeit, sie liebt nicht den Auftritt. Dabei ist sie ein durch und durch politischer Mensch. An ihr ist nichts Doppelbödiges, sie ist ehrlich, menschlich, klug. Sie freut sich an guten Büchern, offenen Menschen und den einfachen Dingen des Lebens.

Greta Wehner ist aus vollem Herzen und im wahrsten Sinne des Wortes Sozialdemokratin. Sie kann auf eine einzigartige Lebensleistung zurückblicken. Sie tut nicht wichtig, sie ist wichtig. Heute und in Zukunft.

Christoph Meyer, Dresden