Leserbrief Süddeutsche Zeitung

Zu einem Artikel aus der Süddeutschen Zeitung vom 23. Januar 2012 schreibt Christoph Meyer, Vorsitzender der Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung:

In seiner Besprechung über das Gesprächsbuch von Egon Bahr und Kabarettist Peter Ensikat meint Christoph Hein, Herbert Wehner in einem Atemzug mit dem DDR-Stasi-Chef Erich Mielke nennen zu müssen. Er bezieht sich dabei auf die angebliche „Rolle“ Wehners beim Sturz Willy Brandts. Als Brandt der Fraktion Mitteilung von seinem Rücktritt machte, habe Wehner in den Saal gerufen: „Du weißt, wir lieben dich“. Das ist so nicht richtig. Als Brandt, nachdem Wehner die Fraktion über die entstandene Lage informiert hatte, den Saal betrat, unterbrach dieser seine Rede und sagte folgendes:

„Die Fraktion grüßt Willy Brandt! Sie grüßt in ihm den Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und steht hinter ihm, komme, was da will! Wir fühlen Schmerz über das Ereignis, Respekt vor der Entscheidung und Liebe zur Persönlichkeit und zur Politik Willy Brandts miteinander! Dies ist nicht das Ende, sondern dies ist ein besonders schwieriger Punkt. Vor uns liegen Wegstrecken, die wir mit ihm zusammen erfolgreich durchgehen werden.“

Dies war nach meiner Kenntnis der Quellen aufrichtig gemeint. Und es war die angemessene Reaktion des Fraktionsvorsitzenden der damals stärksten Bundestagsfraktion. Wehner war 1974 nicht der Meinung, Brandt solle zurücktreten. Jedenfalls hat er ihm nicht zum Rücktritt geraten. In der Situation kam es auf den Kanzler an. Mit dem Spion Guillaume hatte Wehner ebenso wenig zu tun wie mit den Angriffen der CDU/CSU-Opposition und den Fahrlässigkeiten im Bundesministerium des Innern und im Bundeskanzleramt. In der Rücktrittskrise verhielt sich Wehner keineswegs als kaltblütiger Machtpolitiker sondern so, wie ich es in meiner 2006 erschienenen Wehner-Biographie geschildert habe: Er war „verzweifelt aufgrund der Berichte und seiner Eindrücke vom Zustand des Kanzlers“.

Halb- und Unwahrheiten über Herbert Wehner zu verbreiten war und ist nicht schwer. Als ehemaliger Kommunist stand er in der alten Bundesrepublik sowieso unter Generalverdacht. Und heute gilt: Tote können sich nicht wehren.

Mit freundlichen Grüßen
Christoph Meyer

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