Greta Wehner

Erfahrungen

Aus einem Leben mitten in der Politik

Greta Wehner – Erfahrungen

Herausgegeben von Christoph Meyer für die Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung

Erscheinungsdatum: 10. Oktober 2004

Am 31. Oktober 2004 vollendet Greta Wehner ihr 80. Lebensjahr. Kindheit in Hamburg und Norddeutschland, Exil in Schweden, Rückkehr nach Deutschland, 37 Jahre an der Seite des SPD-Politikers Herbert Wehner, als Fahrerin, Mit-Arbeiterin, Begleiterin, Ehefrau und Pflegerin, eine beispiellose Beziehung. Schließlich die “Heimkehr” nach Sachsen, nach Dresden. In diesem Buch vermittelt Greta Wehner ihre Erfahrungen aus einem bewegten Leben mitten in der Politik. In ihren Reden, Texten und Dokumenten wird die deutsche Geschichte und die Geschichte Herbert Wehners sichtbar. Greta Wehner ist eine Persönlichkeit, für die Politik und Menschlichkeit ein Leben lang untrennbar zusammengehören.

Verlag edition Sächsische Zeitung, fester Einband, 245 (+16) Seiten, teils farbiger Bildteil, € 8,00. Von Bestellungen, die direkt an die Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung gehen, fließen 30% vom Erlös an die Stiftung, die der politischen Bildung und der Wahrung des Erbes von Herbert Wehner dient.

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Greta Wehner: Herbert Wehner und das Bauen von Brücken

Vortrag vor der evangelischen Kirchengemeinde Dresden-Prohlis am 13. November 2001

Greta Wehner 2006

In dem Heft: Laßt uns Brücken bauen von Maike Maßlich, welches ich kürzlich zur Vollendung meines 77. Lebensjahres von Freunden geschenkt bekam, steht auf der Seite 16 folgendes Gebet:

 

 

 

 

Herr viele Brücken liegen hinter mir.
Manchmal war es nicht leicht, über sie zu gehen.
Manchmal war es nicht leicht, neue Brücken zu bauen.
Ich möchte Dir danken für das, was gut war
für gelungene Begegnungen, für überwundene Schwierigkeiten,
für beglückende Erfahrungen.
Ich möchte dich bitten für die Brücken,
die vor mir liegen:
Ich weiß nicht, ob die Brücken standhalten.
Ich weiß nicht, ob ich es schaffe,
Brücken zu bauen, wo die Gräben schon sehr tief sind.
Aber ich wünsche mir, daß du, GOTT, mich führst und trägst.
Dann will ich weitergehen.
Mal mutig und auch mal zaghaft.
Wenn du mit mir gehst, brauche ich mich nicht fürchten.
Und wenn ich einmal über die letzte Brücke gehen muß,
dann bringst du mich zum Ziel.
Ich verlasse mich auf dich.
Du bist die Brücke,
du bist das Geländer,
du bist das sichere Ufer.

Ich möchte heute Abend versuchen, eine Brücke zu bauen zu einem Menschen, der 1906 in Dresden-Striesen in der Spenerstraße 13 geboren wurde und dort, bis auf eine kurze Unterbrechung, in der die Familie im Erzgebirge lebte, aufgewachsen ist. Die Spenerstraße blieb in Herbert Wehners Erzählungen seine eigentliche Heimat.

Ich bin diesem Mann das erste Mal im Spätsommer 1944 begegnet; seit dem Sommer 1953 habe ich ohne Unterbrechung, tagaus-tagein mit ihm in einem Haushalt gelebt und gearbeitet, vielleicht richtiger: für ihn gearbeitet, im Deutschen Bundestag und in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

Herbert wurde 1946 Mitglied in der SPD und 1949 Mitglied des Ersten Deutschen Bundestages und blieb dieses bis zum Ende der neunten Legislaturperiode im Jahr 1983. In einem knappen Jahr endet die 14. Wahlperiode unseres derzeitigen Bundestages. Daran sieht man, wieviel Zeit schon wieder vergangen ist.

Herbert Wehner war von 1949 bis 1966 Vorsitzender des Bundestagsausschusses für gesamtdeutsche Fragen und von 1966 bis 1969 Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen, in Verbindung damit hatte er mit den menschlichen und politischen Folgen der Teilung Deutschlands zu tun.

Von Ende 1969 bis März 1983 war er Fraktionsvorsitzender der SPD im Deutschen Bundestag. Auch in dieser Zeit waren die Folgen der Spaltung Deutschlands ein wichtiger Teil seiner Arbeit, vor allem befaßte er sich mit der Familienzusammenführung und Häftlingsentlassungen über die Grenze unserer zweigeteilten Heimat hinweg. Er war ein Drängender in der Umsetzung der nach und nach ausgehandelten Ostverträge in praktische Politik. Diese Verträge und der Vertrag von Helsinki, KSZE-Vertrag genannt, den sowohl die DDR als auch die UdSSR unterschrieben hatten, waren wesentliche Voraussetzungen dafür, daß die Menschen in der DDR ihren eigenen Weg zur Überwindung der Spaltung gehen konnten.

Herbert Wehner wollte keineswegs bis in sein 77. Lebensjahr diese alle Kräfte und Zeit schluckende Arbeit leisten; einmal sagte er uns, mit 60 Jahren höre ich auf, dann habe ich endlich Zeit zu schreiben. 1982/83 half alles Drängen der Kollegen und Freunde nicht, sein Gesundheitszustand hatte ihm in den vorangegangenen zwei Jahren seine letzte Kraft geraubt, und sehr bald wurden die Zeichen einer Demenzerkrankung deutlich. Es war ihm nicht mehr möglich, seine politischen und menschlichen Erfahrungen zu bündeln und uns mit auf den Weg zu geben. Herbert Wehner starb am 19. Januar 1990. Das, wofür er, seit seiner Rückkehr 1946 in das geteilte, durch die Nazizeit moralisch und kriegerisch zerstörte Deutschland, gewirkt hatte und was er als seine Aufgabe ansah, die Teilung zu überwinden und die Heimat in ein demokratisches Europa einzubinden, konnte er nicht mehr bewußt erleben.

Herbert Wehner war mit seinen Erfahrungen aus der kommunistischen Zeit ein Mann, der mit großem Ernst und Überzeugungskraft für den demokratischen-sozialen Rechtsstaat in der alten Bundesrepublik wirkte. Gleichzeitig war Herbert Wehner in der Zeit von 1958 bis 1973 stellvertretender Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei. Damals gab es noch keinen Bundesgeschäftsführer oder gar Generalsekretär; diese Verantwortungen trug er in seiner Person.

Herbert Wehner drängte nach seiner Wahl darauf, die Diskussion über ein Parteiprogramm zum Abschluß zu bringen. So war er wesentlich daran beteiligt, daß im November 1959 das Godesberger Programm beschlossen werden konnte. Ein wesentlicher Satz in diesem Programm ist:

Das Leben des Menschen, seine Würde und sein Gewissen sind dem Staate vorgegeben. Jeder Bürger hat die Überzeugung seiner Mitmenschen zu achten. Der Staat ist verpflichtet, die Freiheit des Glaubens und des Gewissens zu sichern.

Und ein anderer Satz:

Der Sozialismus ist kein Religionsersatz. Die Sozialdemokratische Partei achtet die Kirchen und die Religionsgemeinschaften, ihren besonderen Auftrag und ihre Eigenständigkeit.

Und weiter steht dort:

Sie begrüßt es, daß Menschen aus ihrer religiösen Bindung heraus eine Verpflichtung zum sozialen Handeln und zur Verantwortung in der Gesellschaft bejahen.

Immer gab es Mitglieder in der SPD, die auch in ihrer Kirchengemeinde oder – in diesen Tagen in Dresden aktuell – in ihrer Synagogengemeinde verwurzelt waren. Andere Mitglieder der SPD gehörten und gehören zwar ihrer Kirche an, aber sie leben im Täglichen von ihr entfernt. Etliche Mitglieder der SPD waren und sind ohne religiöse Bindungen, so wie ich es hier in Sachsen in einem mich überraschenden Ausmaß erlebe. Es gibt hier wenige Sozialdemokraten, aber offenbar auch wenige kirchlich gebundene Menschen.

Für Herbert Wehner war dieses Godesberger Programm Grundlage für sein politisches Wirken und die Grundlage, über seine persönliche Bindung zu seiner Kirche hinaus, regelmäßige politische Kontakte zu beiden Kirchen zu pflegen.

Ich erinnere, daß das Katholische Büro ursprünglich von dem späteren Bischof von Münster, Heinrich Tenhumberg, geleitet wurde, ihm folgte Prälat Bocklet. Auf der evangelischen Seite war über einen sehr langen Zeitraum der Westfale Bischof Hermann D. Kunst Vertreter der Kirche beim Bund und damit auch der Gesprächspartner für die politischen Parteien auf Bundesebene. Er blieb in diesem Amt, bis er aus Altersgründen in den Ruhestand ging. Ihm folgte Prälat Hans Georg Binder, wenn ich recht erinnere bekam er später ebenfalls den Bischofstitel, obwohl er ihn eigentlich nicht haben wollte.

Zu den Genannten hatten wir guten Kontakt, besonders aber zu Bischof Kunst. Wer mich zu Hause besucht, kann zwei Bilder betrachten, die wir von ihm geschenkt bekamen, denn er war sein Leben lang ein Kunstinteressierter und Sammler. Auch Bücher von ihm gibt es bei mir. Mit Bischof Kunst stand ich auch nach Herberts Tod noch in Verbindung, inzwischen ist auch er verstorben.

Wer Kinder erzieht oder wer dazu neigt, zu ergründen und zu fragen, was hat dazu geführt, daß dieser oder jener Mensch der geworden ist, der er ist, und egal, ob er diesen Menschen ablehnt oder sehr schätzt, er wird versuchen, dessen Kindheit zu ergründen.

Herberts Mutter ist in Kleinzschachwitz, dort, wo die Hosterwitzer Straße auf das Elbufer stößt, geboren und aufgewachsen; die Großeltern lebten, soweit ich weiß, bis zuletzt dort, die Mutter soll in Dohna getauft worden sein. Der Großvater war Schneidermeister und Musiker, Herbert erbte dessen Klavier, er hat als Kind Klavierunterricht gehabt, immer mal wieder hat er uns erzählt, daß er lieber als Musiker gelebt hätte als im politischen Bereich zu arbeiten.

Er selbst hat sich nie Politiker genannt, sondern als politischer Praktiker bezeichnet.

Sein Vater war in Hosterwitz geboren, die väterliche Familie hatte einen Weinberg in Loschwitz, der aber, wie wohl alle Weinberge im Dresdner Bereich, wegen der Reblaus schon vor Herberts Geburt ohne Ertrag war. Der Großvater war Schuhmacher, Näheres weiß ich nicht über die väterliche Familie.

Herberts Vater hat auch das Schuhmacherhandwerk erlernt, hat dann in einer Schuhfabrik Modelle entworfen und Oberleder zugeschnitten und modelliert. Nach dem ersten Weltkrieg wurde er wohl sehr bald arbeitslos, er war alkoholkrank aus dem Krieg zurück gekommen.

Herbert ist zwei Monate nach seiner Geburt, am 9. September 1906, in der Erlöserkirche in Striesen getauft worden. Auf einem alten Stadtplan habe ich festgestellt, daß die Erlöserkirche an der Ecke Paul-Gerhardt-Straße/Wittenberger Straße stand. Wie mir der Pfarrer der heutigen Erlöser-Andreas-Gemeinde erzählt hat, ist von Herberts Kirche nur ein Kreuz erhalten, welches sich seit dem Abbruch der nicht besonders schwer zerstörten Kirche auf dem Friedhof in Striesen befindet. Als ich nach Dresden kam, war das alte Kirchengrundstück noch unbebaut, inzwischen stehen dort Wohnhäuser.

Ich erwähne die Kirche so genau, weil sie im Leben des Kindes offenbar eine wichtige Rolle gespielt und vielleicht dazu beigetragen hat, diesen in einer sozialdemokratisch orientierten Arbeiterfamilie aufgewachsenen Jungen bis in das Erwachsenenleben hinein nicht nur religiös sondern auch „revolutionär” zu prägen. Herbert war als Kind im Kirchenchor der Erlösergemeinde und erzählte mir, dort habe es zwei Pfarrer gegeben, deren Namen ich vergessen habe, der eine war, wie Herbert erzählte, ein fortschrittlicher Mann und der andere ein konservativer, kaisertreuer Mann.

1918, Herbert war zwölf Jahre alt, war der Kaiser nicht mehr Kaiser, aber das Kaiserbild hing noch immer an der Wand im Gemeindesaal. Dieses widersprach den Vorstellungen des Kindes, dessen Familie durch den Krieg Not und Hunger erlebt hatte, und die froh war, daß der Kaiser abgedankt hatte und der Krieg beendet war und nun ein sozialeres Deutschland mittragen wollte. Bei der nächsten Chorprobe nahm Herbert das Kaiserbild herab und stellte es umgedreht gegen die Wand. Am darauffolgenden Sonntag hatte nicht der fortschrittliche Pfarrer, sondern der konservative seinen Dienst. Dieser stellte den ganzen Gottesdienst unter das Thema der „Freveltat” des zwölfjährigen Jungen, der trotz der öffentlichen Anprangerung keineswegs geknickt war, sondern daraus, wie ich vermute, in seiner politischen Widerspenstigkeit eher gestärkt hervorging. Aber auch seine Religiosität nahm durch das wenig förderliche Verhalten des alten Pfarrers keinen Schaden. Beides, Religiosität und politisches Denken, hat die Mutter Antonie ihren Kindern, vor allem ihrem ältesten Sohn Herbert, früh vermittelt.

Ich habe einen Kinderbrief, den der neunjährige Herbert an seinen Vater schrieb und der von Rudi (Rudolf) dem 1960 verstorbenen Bruder, über die Jahrzehnte gerettet worden war. Darin schreibt das Kind: Bitte nur den Lieben Gott das er das Böse von dir nimmt, dan wird schon alles wieder gut werden. Die Mutter schreibt dazu an den Vater, ihren Mann: Habe den Kindern ganz freien Lauf gelassen (…), habe sie nur gebeten zu schreiben was sie denken.

Aus Herberts Erzählungen weiß ich, daß der Vater bei der Verlegung oder Neuzusammenstellung seines Truppenteils erheblich über den Durst getrunken hatte und deshalb den Truppenzug verpaßte und, auf seine Verurteilung wegen Fahnenflucht wartend, in Zwickau in Haft saß. Alkohol war ein belastendes Problem des Vaters und damit der Familie, die trotz dieser Belastung sehr liebevoll miteinander lebte.

Die Mutter ist den Kindern eine außerordentlich kluge und liebevolle Begleiterin gewesen, die zugleich wußte, welch einen dicken Schädel ihr Ältester hatte, wie sie später in einem Brief über ihren 18jährigen Sohn schrieb und meinte, er würde sicherlich einen schwierigen Lebensweg vor sich haben.

Diese Mutter Antonie, oder Toni, wie sie genannt wurde, hat ihre Kinder früh mit auf 1.-Mai-Demonstrationen genommen und ihnen von ihrem Traum vom Sozialismus erzählt.

Herbert hat bis an sein Lebensende den Geburtstag seiner Mutter beachtet, der am 7. Juli war und von dem er meinte, an diesem Tag fange sein eigener Geburtstag an.

Alkoholabhängigkeit des Vaters ist für das Leben aller Familienangehörigen eine große Belastung; dennoch entwickelte sich Hochachtung und Liebe zum Vater. Zum Geburtstag des Vaters am 30. April 1943, Herbert erfährt erst im Jahr 1946, daß der Vater bereits 1937 gestorben ist, schreibt er für ihn seinen Dank und seine Gedanken nieder. Hier einige Satzteile aus diesem Brief, den ich nach Herberts Tod zwischen seinen Sachen gefunden habe:

Ich habe Dir manchmal sagen wollen, wie sehr ich Dich lieb habe (…). Dein Leben war so schwer. Du wolltest viel und gutes, aber Du littest so unter der Gleichmäßigkeit der Alltagsmaschinerie, daß Du Dir dann und wann Luft machen mußtest(…).
Wenn Du ein Unglück damit angerichtet hattest, wenn Muttel darunter litt, und wenn unsere ganze kleine Gemeinschaft Schmerzen hatte, so verstand ich doch – ich darf es sagen – immer, woher es kam und was es war, das Dich selbst so unglücklich gemacht hatte.
Deine Tapferkeit und wie Du mitten im stürmischen Wetter (…) Dein reines Herz bewahrt hast, haben mich immer im innersten angerührt.
Als Du in den Krieg gingst, warst Du keiner von denen, die schrien oder sich betäubten. Da hieltest Du uns in Deiner mannhaften Festigkeit und mit der Ruhe durch die hindurch doch die herzenswarme Sorge spürbar war, aufrecht(…).
Nachdem Du arbeitslos geworden warst, habe ich oft über die Tragödie nachgedacht, daß ein Mann wie Du, der ein Meister, ein Könner in seinem Fach war, so einfach beiseite geschoben werden kann. Aber helfen konnte ich nicht. Wenn ich auch manchmal – zu wenig – versucht habe, es Dir leichter zu machen. Wenn ich dann bemerkte, Du fandest Gefallen und Befriedigung in Gartenarbeit und anderem, dann war ich froh für Dich.
Es kam der schwere Tag, an dem Du nicht richtig sprechen konntest. Deine guten lieben Augen suchten uns so und baten um Verständnis.
Papa – ich hatte es mir fest vorgenommen, Dir und Muttl allzeit zu helfen. Ich wollte auch das gut machen, was ich in einigen Jugendjahren, in denen ich wohl zu ausschließlich meiner Entwicklung folgte, versäumt hatte. Warum mußte alles so kommen ? Ach, dieses Warum habe ich in den schweren Jahren, in denen ich nichts für Dich tun konnte, so tief in mein Herz gebrannt (…).

Wer diese Sätze, geschrieben im Alter von gut 36 Jahren, im Rückblick auf Kindheit und Jugend sorgfältig prüft, der wird viele Verbindungen zu Herberts späterem Verständnis für die Sorgen und Nöte der Menschen erkennen.

Den Menschen anzunehmen so wie er ist gehörte zu seinen Verhaltensgrundlagen.

Zu den eigenen Aussagen Herbert Wehners über seine Kindheit und Jugend gehört auch das, was er mir vor 56 Jahren im Oktober, aus Anlaß der Vollendung meines 21. Lebensjahres schrieb:

Allmählich formte sich der Gedanke zu dem Plan, Dir aus meiner eigenen Kindheit, dem Hineinwachsen in spätere Jahre und davon zu erzählen, wie mich Kindheitserlebnisse begleitet haben. Einmal setzte ich mich hin und begann zu schreiben über – Die Kindheit in unserem Leben –; es war meine Absicht, Dir ein Büchel darüber zu schreiben (…). Dir sei es auf jedem Fall schon jetzt gewidmet.

Herbert schrieb weiter aus diesem Anlaß:

Mag noch so vieles gescheitert oder mißglückt sein, was ich mir vorgenommen oder begonnen habe – einige schöne und viele eindrucksvolle Erlebnisse aus meiner Kindheit haben mir immer wieder neue Nahrung und Kraft zu neuem Beginnen gegeben.
Welches Schicksal meine Mutter getroffen hat, weiß ich immer noch nicht. Aber ich fühle sie mir innig nahe, wenn ich daran denke, wie sie meinem Bruder und mir an einem Sonntagmorgen des schrecklichen Winters 1917 vom Sozialismus und vom Frieden erzählt hat.

Das mir gewidmete Büchel ist leider nie geschrieben worden, im darauffolgenden Jahr 1946, mit der Rückkehr nach Deutschland, in die Stadt meiner Kindheit, der Hansestadt Hamburg, begann das unermüdliche, alle Kraft fordernde Arbeiten, um nach der Nazidikdatur, in den westlichen Besatzungszonen, ein demokratisches Gemeinwesen aufzubauen. Herbert war, knapp einen Monat nach der Ankunft in Hamburg, Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands geworden.

Zur Kindheit und frühen Jugendzeit gehört das, was ich nur aus Herberts Erzählung weiß und aus einer flüchtigen Begegnung auf einer Wahlversammlung, wenn ich recht erinnere, war es wohl in München. Herbert hatte zum Ende der Volksschulzeit Aussicht auf eine Druckerlehre, doch ehe es dazu kam, war von der sozialdemokratisch geführten sächsischen Landesregierung der Beschluß gefaßt worden, Kindern aus dem Volksschulbereich eine grundlegende Ausbildung für die Tätigkeit auf der Verwaltungsebene des Landes Sachsen zu ermöglichen, denn während der Kaiser- und Königszeit waren diese Tätigkeiten Personen aus den bürgerlichen Parteien vorbehalten gewesen. Es wurden damals, wenn ich die Zahl recht erinnere, sechs Kinder aus dem Volksschulbereich und sechs Kinder aus der Realschule dafür vorgeschlagen und zu einer Klasse zusammengeführt. Herbert erzählte, die besten Fachleute wären ihre Lehrer gewesen, sowohl in Verwaltungsrecht als auch in normalen Schulfächern. Diese Schulzeit dauerte drei Jahre.

Die bereits erwähnte Begegnung auf einer Wahlversammlung, erschien mir etwas merkwürdig. Ein mir fremder Mann sagte eine für mich unverständliche Losung zu Herbert, und dieser antwortete freudig überrascht auf die gleiche Weise. Herbert erklärte mir die Zusammenhänge: Der Mann war mit ihm in dieser besonderen Schulklasse gewesen. Leider haben wir all die Jahre überhaupt keine Zeit für private Erinnerungsbegegnungen gehabt. In einem alten Adressenverzeichnis habe ich den Namen Kurt Hering, München, gefunden und vermute, daß es sich um diesen Schulfreund handelt, wer weiß, vielleicht gibt es noch Verwandte dieses Mannes in Dresden?

Inzwischen werden sich sicher viele von Ihnen fragen, was war denn zwischen der Kindheit und dem Jahre 1944, als ich Herbert in Schweden persönlich und nicht nur per Brief kennen lernte, und dem Neuanfang in Hamburg?

Ich kann die Zwischenzeit nur kurz streifen. Was war mit dem Jugendlichen und dem jungen Mann Herbert Wehner?

Mit 16 Jahren wurde Herbert Mitglied in der sozialdemokratisch orientierten Sozialistischen Arbeiterjugend. Ein wißbegieriger Junge, der den Traum vom Sozialismus seiner Mutter umsetzen wollte. Der, als er bei den Kamerawerken in Dresden arbeitete, feststellte, daß entgegen den Vorschriften des Versailler Vertrages dort für militärische Zwecke Geräte hergestellt wurden, dieses öffentlich bekannt machte und deshalb fristlos entlassen wurde.

Im Jahr 1923 ist er von Dresden zu Fuß nach Nürnberg zum Arbeiterjugendtreffen gewandert. Herbert erzählte uns, wie er dort erstmals Nazis begegnet ist. Im Anschluß an eine Andacht in der Lorenzkirche, an der er mit anderen Jugendlichen teilgenommen hatte, wurden sie von einer Horde Nazis vor der Kirche erwartet und verprügelt. Als wir in Nürnberg auf dem Kirchentag waren, es war 1979, sind wir in Erinnerung an Herberts Erlebnisse jeden Morgen in die Lorenzkirche gegangen.

Herbert war schon früh ein eigenwilliger, politisch denkender Mensch, der nicht nur träumen, sondern verändern wollte. Im Oktober 1923 marschierte die Reichswehr in Sachsen ein, weil damals die sächsische Regierung, bestehend aus Sozialdemokraten und wenigen Kommunisten, Beschlüsse gefaßt hatte, die den Beschlüssen der ebenfalls unter sozialdemokratischer Beteiligung amtierenden Reichsregierung entgegenstanden.

Im Januar 1964 fragte Günter Gaus in dem Fernsehinterview „Zur Person” Herbert Wehner zu diesem Ereignis:

Als 17jähriger, 1923 sind Sie aus der sozialistischen Arbeiterjugend, die der SPD nahe stand, ausgeschieden. Warum?

Herbert Wehners Antwort:

Warum? Ich möchte sagen wodurch (…). Die Reichswehr marschierte ein (…). In einer unserer Nachbarstädte gab es eine große Zahl Todesopfer (…). Damals spalteten wir uns (…). Ich gehörte zu der Minderheit, die dann vier Jahre lang als eine freie sozialistische Jugendgruppe existiert hat mit zeitweilig starker Anlehnung an syndikalistische Jugendgruppen.

In der Jugendgruppe wurde diskutiert und gemeinsam gelesen, nicht vorrangig Marx , der kam erst später dran, die Gruppe interessierte sich für Martin Buber, der gemeinsam mit Franz Rosenzweig die Hebräische Bibel, unser Altes Testament, übersetzt hat, weiter Bücher von Gustav Landauer, der in der Münchner Rätezeit erschossen wurde und die Schriften des Franzosen Proudhon oder die Ethik von Kropotkin.

Herbert Wehner erzählt in dem Gaus-Interview:

Unser Streben war, eine Ordnung zustandebringen zu helfen, in der die Freiheit der Person, des Menschen, der Persönlichkeit das Entscheidende war. Das Zweite war das Recht frei miteinander lebender Persönlichkeiten. Das dritte war, man muß gewisse ökonomische Schritte möglich machen.

Diskutieren allein reichte Herbert Wehner nicht, er wollte das, was er erkannte, politisch umsetzen. Er arbeitete für die “Rote Hilfe”, zeitweilig leitete Herbert diese in Sachsen. Es ging darum, politischen Gefangenen zu helfen, sie im Gefängnis zu besuchen und deren Familien helfend zur Seite zu stehen, und darum, Flüchtlinge aus faschistischen Ländern zu betreuen. Dieses dürfte wohl für ihn der Weg zur Mitgliedschaft in der KPD gewesen sein, wobei auch die Begegnung mit Lotte Loebinger bei Erich Mühsam eine Rolle gespielt haben kann.

In dem Gaus-Interview antwortete Herbert auf die Frage zur KPD-Mitgliedschaft:

Ich bin ja in die KPD nach diesen vier Jahren selbständigen Denkens gekommen. Jener Partei schloß ich mich damals 1927 an aus der Überzeugung heraus, daß man dort etwas in der Richtung tun könnte, in die wir wollten, wenn auch mit gewissen kritischen Vorbehalten, die aber – das habe ich dann gelernt – sehr bald überspielt wurden durch den Mechanismus, in den man sich selbst begeben hatte.

1930 wurde Herbert Wehner Mitglied des Sächsischen Landtages und 1931 hauptamtlicher Mitarbeiter der KPD in Berlin. Dazu antwortet er Gaus:

Als ich 1931 nach Berlin kam, kam ich als ein gemaßregelter kommunistischer Funktionär nach Berlin; denn ich mußte mein Landtagsmandat schon nach weniger als einem Jahr auf Beschluß der Partei niederlegen.

Gaus fragt:

Aus welchen Gründen?

Herbert Wehner:

Ich paßte nicht ganz hinein, weil ich damals schon zu selbständig war (…). Aber dort war ich Angestellter und habe den Weg gehen müssen bis zum bitteren Ende, den man nur verstehen kann, wenn man daran denkt, daß schon im Jahre 1932 jene grausige neue Wirklichkeit über uns hing, die 1933 Gestalt annahm. Es mag seltsam klingen (…). Ich wollte doch nicht feige sein! Wieso konnte (…) ich bei all meinen Skrupeln, was die Lehre der Partei betraf, weggehen, wenn es um Tod und Leben ging?

Frage Gaus:

Aus der Partei heraus?

Herbert Wehner:

Ja (…). Da hast du zu stehen, und zwar nicht wegen eines Beschlusses, sondern (…) weil ich nicht braun sein wollte (…) später habe ich mich auch davon frei gemacht rot zu sein, aber nicht um braun zu werden.

Ich muß hier mit dem Zitieren aufhören, sonst sitzen wir noch viele Stunden zusammen. Wer nachlesen will, kann bei mir Texte leihen.

Ich hoffe, daß einige von Ihnen vielleicht eine Ahnung davon bekommen haben, mit welch einer inneren Last der damals 26 Jahre alte Herbert Wehner leben mußte.

Sein Weg führte ab 1933 über die Illegalität, weiter in das Saargebiet, wie das heutige Saarland damals hieß, wo er den jüngeren Erich Honecker und dessen Familie kennen lernte (das war von Vorteil, als dieser Staatsratsvorsitzender war und es darum ging, Menschen zu helfen, die in der DDR politisch in Not und Gefangenschaft geraten waren), und über Holland, Frankreich, die Tschechoslowakei und Moskau zuletzt nach Schweden, wo Herbert als illegal Lebender und Arbeitender verhaftet wurde, wegen „Gefährdung” der schwedischen Neutralität, die zu dem Zeitpunkt keineswegs so neutral war. Die deutschen Truppentransporte rollten durch Schweden nach Norwegen, wo das skandinavische Brudervolk der Schweden durch die deutsche nationalsozialistische Wehrmacht unterdrückt wurde und die dortigen politischen und jüdischen Flüchtlinge und norwegischen Widerstandskämpfer, sofern es ihnen nicht gelang, nach Schweden zu entkommen, in die deutschen Konzentrationslager verschleppt und viele ermordet wurden.

Wenn sie bei Kurierdiensten entdeckt wurden, wurden die norwegischen Widerstandskämpfer in Schweden auch in Lager gebracht, das heißt verhaftet, Herbert gewann dort Freundschaften und wurde von den norwegischen Inhaftierten, weil er ihnen half, ihren Nationalfeiertag, den 17. Mai, zu feiern, obwohl die Lagerleitung das untersagt hatte, zum Ehrennorweger ernannt.

Während dieser Haft konnte Herbert, ohne seine bisherigen Genossen und teils auch Freunde zu gefährden, seinen Bruch mit der KPD vollziehen. Zu seinen alten Skrupeln waren ja auch noch die schlimmen Erfahrungen der Moskauer Prozesse gekommen. Dimitrow (diejenigen von Ihnen, die während der DDR-Zeit Schüler oder erwachsen waren, werden wissen wer das ist) soll gesagt haben:

Der Wehner (oder Funk, wie sein Deckname war) denkt zu viel, der bleibt nicht bei uns.

Nun bin ich an den Beginn meiner Begegnung mit Herbert Wehner gelangt.

Falls es Ihnen noch nicht zu spät am Abend ist, möchte ich Ihnen gerne den Text einer Rundfunkrede vorlesen, die ich zufällig gefunden habe. Hans Roser, geboren 1931, evangelischer Pfarrer von Beruf, Mitglied der CSU und Mitglied des Bundestages von 1969 bis 1976, hat am 22. Oktober 1979 „Zur Wahl Herbert Wehners zum SPD-Fraktionsvorsitzenden vor 10 Jahren” folgendes im Westdeutschen Rundfunk gesagt:

Heute vor 10 Jahren wurde Herbert Wehner zum Vorsitzenden der Fraktion der SPD im Deutschen Bundestag gewählt.
Ich muß gestehen, ich habe mich oft geärgert über diesen streitbaren, bei manchen auch umstrittenen Parlamentarier, als ich ihn während meiner Mitgliedschaft zur gegnerischen Fraktion von 1969 bis 1976 im Plenum des Hohen Hauses unmittelbar erlebte. Viel mehr aber habe ich nachgedacht über ihn und über ein Thema, das zu bedenken der Lebenslauf dieses seltenen Mannes einem aufgibt. Er und auch seine politischen Gegner.
Ich meine die Frage danach, wie wir uns auf Dauer zu einem Mann stellen, der seine Gesinnung geändert hat.
Tatsächlich verhält es sich so, daß er von beiden Seiten verdächtigt wird: von seinen Gegnern der Gegenwart und von seinen Freunden aus der Vergangenheit.
Die einen behaupten, er sei ja doch der alte geblieben, die anderen halten ihm Treulosigkeit vor. Je näher der Wahltermin rückt, um so schärfer werden die mit Mißtrauen und Verdächtigungen vergifteten Pfeile gezielt geschossen werden. An den Sächsischen Landtag wird erinnert und an Moskau, und in Schweden wird herumgewühlt werden. Und das immer nach dem Motto: ,Er war und ist der alte geblieben – ein Kommunist halt‘.
Es geht nicht nur um einen Mann, so wichtig es ist, jedem Menschen gerecht zu werden, vor allem einer Persönlichkeit vom Zuschnitt Herbert Wehners. Es geht um die Frage, welchen Stellenwert in unserem ganzen demokratischen, auf Parteien aufgebauten System der Gesinnungswandel eines politisch Handelnden eigentlich hat.
Herbert Wehner hat sich längst als engagierter, leidenschaftlicher Demokrat ausgewiesen. Nicht nur durch seine Reden, sonderen ebenso, wenn nicht noch mehr, durch sein Handeln.
Wehner hat seine politische Grundeinstellung geändert. Aus dieser neuen Gesinnung eines sozialen Demokraten, meinetwegen auch eines demokratischen Sozialisten, heraus handelt er heute.
Das Recht auf Gesinnungsänderung muß in unserer Gesellschaft respektiert werden. Auch darin bewährt sie sich als eine von christlichen Grundsätzen geprägte. Denn die christliche Verkündigung ist es doch wohl, die den Grundgedanken der Gesinnungsänderung in unser Werte- und Verhaltenssystem eingeführt hat. Dies ist die humane Seite des Rufes nach Buße, nach einer neuen Orientierung des Denkens.
Aber manchem fällt es leichter, seinen Überzeugungsgenossen ein politisch fragwürdiges Recht auf Irrtum zuzubilligen als ein Recht auf Gesinnungsänderung. Dabei müßte es umgekehrt sein.
Denn zu irren und geirrt zu haben, ist nicht gerade ein Nachweis politischer Tüchtigkeit. Die Häufigkeit der Irrtümer disqualifiziert eher, man mag noch so viel Verständnis für den Irrenden haben.
Irrtümer sind Zeichen mangelnder Kenntnisse und mangelnden Beurteilungsvermögens. Aber aus einer neuen Motivation heraus zu urteilen und zu entscheiden, ist in jedem Falle ein Zeichen der inneren Bereitschaft, offen zu sein.
Die christliche Verkündigung lebt von der Fähigkeit der Menschen zu einer neuen Gesinnung. Die ganze Demokratie lebt im Grunde davon, daß die Menschen ihre Gesinnung ändern.
10 Jahre Fraktionsvorsitz Herbert Wehners im deutschen Parlament sollten Anlaß sein, die schoflen Unterstellungen sein zu lassen, mit denen man diesen bewährten Demokraten böse verletzen, der eigenen Sache und der Würde unserer Demokratie aber nur schaden kann.

Sollten Sie auch noch hören mögen, was Herbert aus Anlaß der Vollendung des 70. Lebensjahres von Bischof Scharf 1972 geschrieben hat (erschienen im Kreuz-Verlag als Sonderdruck), so lese ich Ihnen dieses ebenfalls gerne vor, es geht um das Verhältnis von Kirche und Politik, respektive Politik und Kirche:

Wer von der Kirche politische Rezepte erwartet oder verlangt, der tut ihr unrecht. Wer ihr Äußerungen zur Politik verbieten oder nur in von der institutionalisierten Politik selbst festgesetzten Grenzen gestatten will, der tut ihr ebenfalls unrecht. Die Glieder der Kirche müssen in politischen Angelegenheiten nicht mit einer Stimme sprechen. Aber sprechen sollen und dürfen sie. Doch keines soll dem anderen den Mund verbieten. (…)
Ich möchte der Kirche weder zumuten noch als Vorrecht einräumen, von einem Sperrsitz oder Logenplatz aus am vielseitigen Gespräch in unserer Gesellschaft mitzuwirken. Es bekäme ihr ebensowenig, wie dem politischen Bereich damit gedient wäre. Weder Kirchenstaat noch ‚Staatskirche‘ im Sinne von ‚Thron und Altar‘. Der Kirche ist weder mit einer christlichen Partei noch ist dem demokratischen Staat mit einer gefügigen Kirche gedient.
Es gibt Probleme des Zusammenlebens der Menschen und der Völker, die in unserer Zeit nur mit den Mitteln der Politik gelöst oder geregelt werden können. Es gibt andere Probleme, an denen die Politik versagen muß. Dafür zu sorgen, daß die Politik sich nicht verbrauche an Problemen, die ihr verschlossen sind, ist Christenpflicht. Dazu beizutragen, daß die Mittel der Politik richtig und gerecht angewandt werden, ist eine Möglichkeit für Christen. Im demokratischen Staat gibt es Raum für das Wahrnehmen der Pflicht wie für das Nutzbarmachen der Möglichkeit. (…)
Mit dem Programm keiner einzigen politischen Partei kann die Welt oder kann ein Land zu einem Paradies gemacht werden. Die Mitglieder, Anhänger oder Befürworter keiner wie immer gearteten politischen Partei können Engel oder eine Schar von Heiligen sein oder sich als Auserwählte betrachten. Wenn die Menschen miteinander zurechtkommen wollen, müssen sie lernen, einander zu respektieren, miteinander zu diskutieren und konkrete Kompromisse zu finden oder zu erringen. Aber politische Gegner können gezügelt und davor bewahrt werden, einander als Feinde zu behandeln, wenn überall der Einfluß von Menschen geltend gemacht wird, die bemüht sind, ihr Tun unter Gottes Wort zu stellen. Das ersetzt kein politisches Programm, aber es ist insofern mehr als jedes politische Programm, weil es diejenigen, die Ohren haben zu hören, daran gemahnt: ,Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?‘

Es ist wohl das, worum es heute Abend eigentlich gehen sollte.

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